Krieg ist kein Spiel!

Erny Gillen,

Caritas-Präsident
und Mitglied der Luxemburger Kommission "Justitia et Pax",
unter dem Eindruck der Friedensdemonstrationen

Am vergangenen Samstag haben viele einzelne Menschen hier in Luxemburg und quer durch die Welt für eine friedliche Lösung im Konflikt um den Irak demonstriert. Bestimmt und friedlich haben Frauen und Männer, Eltern und ihre Kinder, Jugendliche und ältere Menschen, Behinderte, Luxemburger und Ausländer ein Zeichen gesetzt. Alle zusammen haben sie Nein zu einem Krieg gesagt.

Beeindruckt waren wohl nicht nur die Politiker hierzulande und quer durch die Welt, sondern auch die Organisatoren selber. So viele Menschen fanden sich zusammen in einer großen Koalition für den Frieden. Die Zivilgesellschaft hat gesprochen.

Die von den Politikern viel beschworene internationale Gemeinschaft hatte einen neuen Ausdruck und deutlich mehr Farbe bekommen. Diese zivile internationale Gemeinschaft verschanzt sich nicht hinter Paragraphen und Politaussagen; sie bewegt die Herzen und den Verstand real existierender Menschen.

Die Stimme der Straße konnte nicht überhört werden, weder in Luxemburg noch in Europa, weder in den Vereinigten Staaten noch im Irak. Heute wissen wir: Unsere Stimme wurde gehört, unsere Stimme hat bewegt, unsere Stimme hat die Welt der Politiker und Berufsdiplomaten mit verändert.

Doch wer auf die Straße geht um des Friedens willen, will weder gewinnen noch verlieren, will weder von der politischen Opposition noch von den Regierenden vereinnahmt werden. Wir wissen aus Erfahrung und Geschichte, dass Krieg kein Spiel ist. Wir wollen nicht, dass der Krieg ein erlaubtes Mittel einer unfähigen Politik wird. Wer Krieg – auch als letztes Mittel – zur Lösung von Konflikten mit in Erwägung zieht, begeht einen folgenschweren Irrtum.

Die geschürte Nervosität und Angst ist ein schlechter Ratgeber. Wenn sonst besonnene Politiker sich zu präventiven Verbalschlachten oder -schlägen hinreißen lassen, dann sollten sie sich zurücknehmen und entschuldigen – sie haben sich nicht nur im Ton vergriffen. Auch kriegerische Sprache ist gefährlich und nicht zuletzt verräterisch.

Die kleinen Leute brauchen den Frieden und sie wollen den Frieden. Hierfür wählen sie Politiker und bezahlen sie ganze Staatssysteme. Wenn die Zivilgesellschaft ohne großen Aufwand und ohne große Mittel auf die Straße geht, sollen alle wissen, dass die Rechnung nicht ohne sie gemacht werden darf. Uns macht man nichts vor, und wir sind auch nicht naiv.

Wir treten ein für einen gerechten Frieden auf dieser Welt. Armut und Unterdrückung schaden dem Frieden. Arroganz und Besserwisserei schüren die Auseinandersetzung. Mit bescheidenen und einfachen Mitteln kann man auch haushalten. Die Mehrheit der Menschen auf dieser Welt zeigt es uns täglich. Mit einfachen und bescheidenen Mitteln kann man auch dem Krieg Einhalt gebieten und die Tür offen halten für den Frieden. Das Gebot der Stunde ist nicht, die Tür für den Krieg offen zu halten, sondern das Tor zum Frieden nicht zu verdecken.

Wir wissen, der Krieg schadet vor allem und zuerst den kleinen Leuten. Sie sind die Leidtragenden, sie sind die Opfer. Für viele Menschen im Irak ist der Golfkrieg von 1990 noch nicht beendet. Ein moralisch nicht zu legitimierendes Embargo hat eines der reichsten Länder dieser Erde austrocknen lassen und die kleinen Leute in den Ruin getrieben. Diese von Menschen angerichtete Katastrophe im Irak kann durch einen weiteren Krieg nur vergrößert werden. Ein weiterer Krieg würde einen Keil zwischen die verschiedenen Welten und Kulturen treiben.

Am vergangenen Samstag haben sich viele Menschen trotz ihrer verschiedensten politischen, religiösen und gewerkschaftlichen Angehörigkeit versammelt, um mit vereinter Stimme gegen einen Krieg im Irak zu demonstrieren. Damit wollten sie die Politik und ihre Politiker bewegen, sich weiter, vermehrt und intensiv für eine friedliche Lösung einzusetzen. Es gibt Alternativen. Diese sind zu nutzen.

Internationales Recht darf nicht mit Füßen getreten werden, weder im Irak noch in Tschetschenien, weder in Nordkorea noch in den Vereinigten Staaten, weder in Israel noch in Palästina. Die Glaubwürdigkeit der Weltgemeinschaft steht auf dem Spiel. Es geht um die Glaubwürdigkeit der internationalen Rechtsinstrumente und Institutionen selber.

Den Einsatz für einen gerechten Frieden fordern wir von unseren Politikern; wir fordern ihn aber auch vom Irak und von Saddam Hussein. Die Waffeninspektoren haben eine schwierige Aufgabe. Sie können Gründe liefern, Tatbestände und Argumente offenlegen. Am Ende aber wird es die Aufgabe des UN-Sicherheitsrates sein, zu entscheiden.

Hoffen und beten wir, dass der Traum vieler kleiner Leute in Erfüllung geht und die Schwerter zu Pflugscharen und die Lanzen zu Winzermessern umgeformt werden. Noch ist Zeit: nutzen wir sie für den Frieden!

(Dieser Text wurde am 21. Februar 2003 als Gastkommentar im "Luxemburger Wort" veröffentlicht)

Erny Gillen ist seit 1992 Mitglied der Luxemburger Kommission "Justitia et Pax".



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