Gewalt, Macht und Gerechtigkeit

Hubert Hausemer
Mitglied der Luxemburger Kommission "Justitia et Pax"

Geht heutzutage die Rede von Gewalt, so kommt es dabei meist, insbesondere in christlichem Kontext, zur Verurteilung der Gewalt und anschließend zu einem Plädoyer für Gewaltlosigkeit. Das hat im Allgemeinen auch so seine Richtigkeit. Und ich möchte hier keineswegs, im Gegenspiel sozusagen, eine Lanze für die Gewalt brechen. Aber mir scheint die Selbstverständlichkeit, mit der auf diese Weise Gewalt tabuisiert wird, zu unbedacht zu sein und eine unzulässige Vereinfachung darzustellen.

Nicht zuletzt bin ich dieser Meinung, weil selbst in einer christlichen Sicht die Sache etwas komplizierter liegt, als man gemeinhin denkt. War Jesus wirklich ein bedingungsloser Anhänger der Gewaltlosigkeit, wie man das glaubt aus der Bergpredigt herauslesen zu können? Müsste man nicht eher, mit Jacques Ellul, den Akzent etwas anders setzen? "Ce qui a constamment marqué sa vie, plus que la non-violence, c'est le choix en toute circonstance de la non-puissance … La non-puissance n'est pas l'impuissance. Celle-ci est le simple fait que je ne peux pas faire ce que j'aurais envie de faire ou devrais faire. La non-puissance est un choix: je peux et je ne le ferai pas … La non-puissance est une orientation permanente dans tous les choix de la vie et toutes les circonstances. On a une puissance, et on refuse de s'en servir. Tel est l'exemple de Jésus. C'est une des expressions les plus bouleversantes que cette considération d'un Dieu qui est le Tout-Puissant et qui, venant parmi les hommes, prend la décision de la non-puissance."

Gewiss, die Option für die Machtlosigkeit setzt ihrerseits voraus, dass man, im Allgemeinen jedenfalls, auch auf Gewalt verzichtet. Das sei hier keineswegs in Abrede gestellt. Aber der Gebrauch von Gewalt kann durchaus legitim und sogar geboten sein, so zum Beispiel wenn es gilt, sich selbst und vor allem andere vor Übergriffen durch einen Bösewicht zu schützen. Es stellt sich also die unabweisbare Frage, wann und unter welchen Umständen Gewalt berechtigt ist. Und damit zeigt sich, dass die eigentliche Alternative nicht diejenige sein kann zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit. Denn es braucht einen höheren Standpunkt, von dem her die (Il)Legitimität des Gewaltgebrauchs jeweils entschieden werden kann. Welches kann diese Ebene sein?

Ein Gedanke des französischen Philosophen Eric Weil kann uns hier weiterhelfen. Ihm zufolge ist der Mensch von Natur aus zuerst einmal ein gewalttätiges Wesen, für das Gewalt eine bleibende Versuchung und eine Bedrohung zugleich darstellt. Der Mensch hat aber die Möglichkeit, eine andere Verhaltensweise zu wählen: Weil nennt sie die "Vernunft". Er versteht darunter ein auf Kommunikation, Dialog und Argumente gestütztes Verhältnis zum anderen Menschen, im Unterschied zu Herrschaft, Zwang und Unterwerfung als Formen der Gewalt.

Weshalb aber soll der Mensch das rationale Verhalten dem gewalttätigen vorziehen? Die von Weil besprochene Wahl zwischen Gewalt und Vernunft ist, näher betrachtet, in Wirklichkeit nichts anderes als die Entscheidung zwischen bestimmten Menschenbildern. Und damit ist der vorhin gesuchte, höhere Standpunkt bezeichnet: Nur von einer gewissen Auffassung vom Menschen her lässt sich begründet zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit wählen und die eine der anderen vorziehen. Nur von da aus können auch die berechtigten Fälle von Gewaltanwendung bestimmt werden. Dem könnte man zwar entgegenhalten, dass es heutzutage kein allgemein gültiges, konsensfähiges Menschenbild mehr gibt. Das stimmt in der Tat, und jeder Ethik sowie jeder Lebensweise liegt eine Urentscheidung zugrunde: Was ist (für mich) der Mensch? Was für ein Mensch will ich sein beziehungsweise werden? Diese ursprüngliche Wahl ist aber keineswegs notwendigerweise eine beliebige; sie kann durchaus durch Gründe wenn auch nicht bewiesen, so doch plausibel gemacht werden.

Interessant ist nun hier, dass das christliche Menschenbild und dasjenige, das nach Eric Weil der westlichen Philosophie zugrunde liegt, sich weitgehend überschneiden: Es ist das Bild eines Wesens, das auf Gewalt und Macht verzichtet und sich demgegenüber der Stärke und Kraft des Wortes und des Dialogs, der freien Rede und der eigenen Überlegung, des gedanklichen Austauschs und der geistigen Überzeugungskraft anvertraut und überlässt.

Es muss aber noch etwas konkreter gezeigt werden, was "Vernunft" im Zusammenhang mit der Entscheidung gegen Gewalt und Macht bedeutet. Der pure Willensentschluss des Einzelnen, auf Gewalt und Macht zu verzichten, ist zwar unerlässlich, aber er garantiert weder Beständigkeit noch Zuverlässigkeit und enthält, im Falle des manchmal nötigen Rückgriffs auf Gewalt- und Machtmittel, das Risiko des Missbrauchs. Nicht von ungefähr aber drängte sich vorhin das Wort "Recht" auf, als die Frage nach der etwaigen "Berechtigung" von Gewalt gestellt wurde. Im Kontext von Gewalt- und Machtverzicht heißt "Vernunft" dann konkret soviel wie "rechtliche Regelung vom Kriterium der Gerechtigkeit her". Die individuelle Bereitschaft braucht also eine institutionelle Umrahmung und Regelung, die nur das Recht gewährleisten kann.

Die Hauptalternative ist somit nicht diejenige zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit, nicht einmal die zwischen Macht und Machtverzicht, sondern diejenige zwischen Recht und Unrecht beziehungsweise zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit. Das Recht muss zwar gelegentlich auf Gewalt und Macht zurückgreifen, um sich durchzusetzen, aber das Entscheidende ist, dass es das nicht auf beliebige Weise tut, sondern nach vorher festgelegten, demokratisch abgesicherten Regeln.

In einer globalisierten Welt kommt es, auch für Christen, darauf an, Recht zu fördern, zu festigen und durchzuführen. Wer keine Gewalt mehr will, oder wenigstens ihre Verminderung anstrebt, muss sich für Recht und Gerechtigkeit einsetzen.

(Dieser Artikel wurde am 18. Januar 2002 im "Luxemburger Wort" veröffentlicht, Sonderseiten "Gebetswoche für die Einheit der Christen")


Hubert Hausemer war von 1992 bis 2002 Mitglied und von 2003 bis 2007 Präsident der Luxemburger Kommission "Justitia et Pax".


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