Hubert
Hausemer
Präsident
der Luxemburger Kommission "Justitia et Pax"
("Gerechtigkeit
und Frieden")
Eigentlich müssten vorerst einige Begriffe geklärt werden, vorab natürlich der Schlüsselbegriff "Frieden". Vielleicht können wir uns aber, der Kürze halber, darauf einigen, statt den Frieden in seiner ganzen Bandbreite im Einzelnen abzuhandeln, den Akzent nur auf einen Aspekt zu legen, der allerdings entscheidend ist: Gewaltlosigkeit. Gewiss ist damit nicht alles über das Thema gesagt, und man darf darin durchaus nur die Minimalebene des Friedens sehen, aber Gewaltverzicht ist mit Sicherheit ein notwendiger Bestandteil des Friedens. Damit ist zugleich gesagt, dass Frieden keineswegs Konfliktlosigkeit heißt. Man kann im Gegenteil den Frieden durchaus gerade in der gewaltlosen Konfliktlösung sehen.
Es scheint mir wichtiger, auf den hier zentralen Begriff der Friedenskultur etwas genauer einzugehen. Schon allein das Wort "Kultur" gibt uns wesentliche Hinweise. "Kultur" steht zuerst einmal im Gegensatz zu "Natur": Wir Menschen sind nicht von Natur aus friedfertig. Vielleicht sehnen wir uns spontan nach Frieden, aber von diesem Bedürfnis bis hin zur Fähigkeit, Frieden zu schaffen und in Frieden zu leben, ist es noch ein sehr weiter Weg. Wir Menschen haben mit einer uns angeborenen Gewaltbereitschaft zu kämpfen, darüber sollten wir uns keiner Illusion hingeben.
"Kultur" heißt also, dass das, was wir nicht von Natur aus haben, hergestellt werden muss: Frieden muss geschaffen werden. Aber nicht nur das: Dieses unser Produkt ist nicht ein für allemal gewonnen, es muss immer wieder neu erkämpft werden. Friedenskultur, das bedeutet deshalb auch, dass Frieden kultiviert, gepflegt werden muss.
Taucht aber gerade hier nicht eine unüberwindliche Schwierigkeit auf? Wenn Frieden uns nicht von Natur aus gegeben ist, sondern der Gewalttätigkeit abgerungen werden muss, wie steht es dann mit unserer Fähigkeit, diesen Kampf zu führen und Frieden herzustellen? Ist es dann um diese nicht von vorneherein schlecht bestellt? Manifesterweise ist eine Friedenskultur untrennbar verbunden mit einer Friedenspädagogik und Friedenserziehung: Frieden muss gelernt werden, Friedfertigkeit ist kein angeborenes Talent, keine naturgegebene Kompetenz.
Damit tauchen ein Haufen Fragen auf, die unbedingt bedacht werden müssen, auch wenn hier nicht der Platz dazu da ist, sie konkret zu erörtern. Wie und wo können und sollen solche Lernprozesse vonstatten gehen? Wer kann und soll sie initiieren und begleiten? Welche Ressourcen stehen dazu zur Verfügung, auf Seiten der Lernenden wie auch der Lehrenden? Natürlich ist hier in erster Linie an Elternhaus und Schule zu denken. Aber auch Medien, Politik und Wirtschaft haben das Ihre beizutragen.
Ich möchte mich meinerseits hier mit zwei Gedanken begnügen:
Gewalt ist generell die Antwort auf eine – reale oder eingebildete – Aggression. Wovon aber fühlen Menschen sich im Allgemeinen angegriffen oder bedroht? Mir scheint, dass die Angst vor dem, was fremd und anders ist, die Hauptrolle spielt. Friedenspädagogik und Friedenskultur bestehen demnach im Wesentlichen darin, zu lernen, mit dem/den Andern umzugehen, das heißt seine Angst davor abzubauen oder aber sie zu ertragen. Dies ist heutzutage aktueller denn je, weil wir in unserer multikulturellen Gesellschaft tagtäglich mit Fremden und Andern konfrontiert sind. Zwei Bedingungen müssen erfüllt sein, um diese Konfrontation gewaltlos zu bestehen: Man muss den Fremden kennen lernen, seine Kultur und seine Persönlichkeit. Da dies aber verlangt, dass man sich öffnet, und somit schon eine gewisse Angstverminderung erfordert, braucht es vor allem ein starkes Ich, begründet auf einem soliden Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Im Gegensatz nämlich zu dem, was man öfters, auch in christlichen Kreisen, hört, ist Gewalttätigkeit normalerweise nicht der Ausdruck eines übersteigerten Selbstbewusstseins, sondern im Gegenteil von Schwäche und deshalb von Angst.
Wer dagegen ein gesundes, realistisches Bild von sich selbst besitzt, hat es nicht nötig, andere zu unterwerfen, zu verletzen oder einzuschüchtern. Ein solches starkes Ich hat allerdings viel zu tun mit der Weise, wie man als Kind und Jugendlicher von Eltern, Lehrern und überhaupt Erwachsenen behandelt und ernst genommen wurde. Nur eine gefestigte Persönlichkeit kann es sich leisten, auf Fremde zuzugehen, sich ihnen zu öffnen und mit ihnen in einen Dialog einzutreten. Rassismus, Fremdenhass, Autoritarismus, Imperialismus sind – entgegen dem äußeren Anschein – Zeichen von Schwäche.
Was nun einen spezifischen Ansatz der Friedenskultur anbelangt, möchte ich vor allem einer Auffassung entgegentreten, die mir bei Christen immer noch weit verbreitet scheint. Man kann sie wohl am besten am Gleichnis vom barmherzigen Samariter illustrieren: Dieser wird zu Recht gepriesen als jemand, der, anders als der Priester und der Levit, über seinen Schatten springt und sich dem Opfer der Räuber als der Nächste erweist. Dem Opfer wird nun zwar Hilfe zuteil, aber Frieden wird auf der Straße zwischen Jerusalem und Jericho erst dann herrschen, wenn nicht mehr nur Einzelne denen zur Seite stehen, die in Not geraten, sondern wenn versucht wird, durch strukturelle Maßnahmen, zum Beispiel Polizeipatrouillen, solchen Notfällen vorzubeugen und sie von vorneherein zu vermeiden.
Was von vielen Christen richtig gesehen wird, ist, dass ein offenes, liebendes Herz vonnöten ist, um Schritte zum Frieden hin unternehmen zu können. Aber das Samaritertum darf nicht auf individueller Ebene stehen bleiben: Es muss zur gesellschaftlichen Struktur werden. In anderen Worten: Frieden braucht mit Sicherheit Nächstenliebe und ein friedfertiges Herz, aber er setzt noch etwas anderes voraus, nämlich Gerechtigkeit.
Nun wäre natürlich wieder ein (ge)wichtiger Begriff zu klären. Ich möchte es aber auch in diesem Fall bei einer kurzen Erklärung belassen: Gerechtigkeit heißt ursprünglich "Herrschaft des Rechts", und zwar eines öffentlichen und garantierten Rechts. Oder noch anders ausgedrückt: Gerechtigkeit fordert den Rechtsstaat. Auch Gerechtigkeit, genau wie der Frieden, reduziert sich nicht auf eine Tugend: Sie verlangt die Verkörperung, die Inkarnation sozusagen, in Strukturen, Institutionen und sonstigen kollektiven Gebilden.
Es ist eine unglückliche, historisch bedingte Vereinseitigung und Deformation des Christentums, dass Frieden und Gerechtigkeit auf innere, individuelle Einstellungen und Haltungen festgelegt wurden. Spätestens seit der Herausbildung der christlichen Soziallehre beziehungsweise Sozialethik im 19. Jahrhundert sollte jedoch allen klar sein, dass das Christentum sich nicht auf sogenannte karitative Initiativen (siehe den barmherzigen Samariter) beschränkt, sondern nach institutioneller Verankerung der Nächstenliebe verlangt.
Friedenskultur ist demnach die Aufgabe und das Werk sowohl eines jeden einzelnen Christen als auch der Christen in ihrer Gemeinschaft. Christen sind auf beiden Ebenen zugleich gefordert, schon allein weil jede die andere zugleich voraussetzt und fördert. Wenn uns einerseits gesagt wird: "Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!" (Röm 12,17-18), so lesen wir an anderer Stelle: "Das Werk der Gerechtigkeit wird der Friede sein, der Ertrag der Gerechtigkeit sind Ruhe und Sicherheit für immer." (Jes 32,17)
(Dieser Artikel
wurde
in
der "Wissbei" Nr. 77 vom 28. August 2003 veröffentlicht,
Dossier
"Christliche Friedenskultur")
Hubert Hausemer war von 1992 bis 2002 Mitglied und von 2003 bis 2007 Präsident der Luxemburger Kommission "Justitia et Pax".
Luxemburger Kommission
"Justitia et Pax"
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