Der Gerechtigkeit und dem Frieden eine Chance geben im dritten Jahrtausend
Luxemburger
Kommission "Justitia et Pax"
Zusammenfassung der Broschüre:
Übergänge wie beispielsweise Geburtstage oder Jahreswechsel werden gerne zu einer persönlichen Bestandsaufnahme und einem Neubeginn genutzt. Unser Übergang vom zweiten zum dritten Jahrtausend bietet sich darüber hinaus für einen gesellschaftlichen Rückblick und Ausblick an. Wie entwickelte die luxemburgische Gesellschaft sich seit der Unabhängigkeit des Landes? Kann von einer positiven Bilanz der vergangenen 200 Jahre gesprochen werden? Wo stehen wir heute? Welche Aufgaben warten auf uns – persönlich ebenso wie als Gesellschaft und Gemeinschaft –, wenn wir ein zukunftsfähiges Luxemburg gestalten wollen, in dem Gerechtigkeit und Frieden eine Chance haben?
Mit Hannah Arendt (1906-1975) kann festgehalten werden: Es gibt einen Ausweg aus der Unabänderlichkeit des Getanen, nämlich das Verzeihen, und die Rettung vor der Unvorhersehbarkeit des Zukünftigen besteht im Versprechen. Durch Verzeihen und Versprechen wird ein neuer Anfang möglich. Dies gilt für den öffentlichen Bereich ebenso wie für den privaten.
Rückblickend kann man sich fragen, ob Luxemburg, das nie eine rassistische, imperialistische oder kolonialistische Politik betrieben hat, nicht das saubere Land par excellence ist. Wurde es aber andererseits nicht mitschuldig an Untaten der Vergangenheit, dadurch dass es Profit daraus zog oder kaum dagegen protestiert hat (Kolonisierung von Belgisch-Kongo, Ausnutzung der Arbeiterschaft in Eisen- und Stahlindustrie bei der Industrialisierung, fragliche Wohn- und Arbeitsbedingungen für Fremdarbeiter, antisemitische Strömungen, Druck bei der katholischen Erziehung …)?
Hinsichtlich der Gegenwart ist zu fragen, wieweit Luxemburg – z. B. über entsprechende Unternehmen – von der Unterdrückung und Ausbeutung der Dritten Welt profitiert. Ist es sich bewusst, dass es als Mitglied transnationaler Bündnisse (Benelux, EU, Nato, UNO usw.) mitverantwortlich ist für deren Entscheidungen, auch diejenigen mit negativen Auswirkungen? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus, dass wir einen großen Teil unseres Wohlstands aus dem Bankgewerbe ziehen? Wieweit lassen sich die von Luxemburg mitgetragenen neoliberalistischen Strömungen der EU (Priorität der Wirtschaft vor der Politik, übermäßige Privatisierung usw.) rechtfertigen?
Fragen zur Zukunft ergeben sich für den Einzelnen wie für die Allgemeinheit bezüglich der Sorge um Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit, des Hinwirkens auf eine gerechtere Weltwirtschaftsordnung, des Abbaus des sozialen Gefälles in Luxemburg und der Überwindung von Armut, Ausgrenzung und Unrechtsstrukturen. Bewusster (umwelt-, nord-süd-, gesundheits-, sozialbewusster) leben, wäre ein mögliches Versprechen für das neue Jahrtausend.
Konkrete Bereiche der Versöhnung sind z. B. die Beziehungen zwischen politisch-ideologischen Gruppierungen (Gewerkschaften, Parteien, Medien …), zwischen Kirche und Gesellschaft und dabei besonders zwischen Katholizismus und Laizismus, zwischen den Religionen und Konfessionen, zwischen Luxemburgern und Ausländern, im zwischenmenschlichen Bereich und unter den Generationen.
Bei einem sozialen Rückblick auf das 20. Jahrhundert ist all jener Männer und Frauen zu gedenken, die trotz vieler Widerstände ihre Kraft und ihre Kreativität eingesetzt haben, damit sich bei uns eine Solidargemeinschaft entwickeln konnte, in der alle Einwohner unseres Landes Aufnahme finden, die von einer Sozial- und Arbeitsgesetzgebung reguliert wird, die allen Schaffenden Rechte, Einkommen, Sicherheit und Schutz garantiert, und in der eine sozialstaatliche Umverteilung dafür sorgt, dass allen Bürgern ein Mindestanteil an den bestehenden Gütern zukommt.
Neue Herausforderungen im Zeitalter der Globalisierung sind eine Neudefinierung der Arbeit und ihrer Aufteilung ebenso wie der Erhalt und der Ausbau eines Gesellschaftsvertrags, der auf Verteilungs- und Beteiligungsgerechtigkeit gründet.
Als Versprechen für die Zukunft wären, unter sozialem Aspekt, Anstrengungen zu unternehmen und neue Konzepte zu entwickeln: für Strukturen einer lebendigen und partizipatorischen Demokratie; für eine Wirtschaft im Dienst der Menschen; für Erhalt und Umbau des Sozialstaats im Sinn der sozialen und nachhaltigen Gerechtigkeit; für eine neue Kultur der Arbeit, die mehr ist als nur Erwerbsarbeit; für solidarische Strukturen der Neuverteilung von Erwerbsarbeit und Einkommen; für eine Humanisierung und Demokratisierung der Arbeitswelt; für eine Kultur der Mündigkeit und der Verantwortung; für eine Kultur des Widerstands gegen alle zersetzenden Kräfte des Sozialwesens; für eine Kultur der sozialen Vernetzung, die alle Menschen miteinander verbindet, die die Welt menschenwürdiger gestalten wollen. Hierzu bedarf es der Kreativität, der Innovation und des gemeinsamen sozialpolitischen Engagements aller betroffenen Akteure.
Und wenn man, im Namen der gleichen Würde und der gleichen Rechte der Frauen, diese um Vergebung bitten müsste …? Ist es nicht an der Zeit, dass alle gesellschaftlich relevanten Strukturen – Parteien, Gewerkschaften, Kirchen, Organisationen, Aktionärsversammlungen … – die Frauen um Vergebung für begangenes Unrecht bitten und in ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen Strukturänderungen versprechen und durchziehen? Eine solche Vergebungsbitte müsste z. B. die mangelnde Präsenz von Frauen auf verantwortlichen Posten und in Machtpositionen beinhalten und von einem Programm zur Behebung dieses Mangels begleitet werden. Auch auf Kirchenebene müsste eine vermehrte, echte Teilung der Verantwortung in die Wege geleitet werden.Vergebung im zwischenmenschlichen Bereich, die von Opfer und Täter Einsatz und Dialog erfordert, wird möglich durch fünf Schritte seitens des Opfers: 1. die willentliche Entscheidung, dem anderen zu vergeben; 2. das Hinsehen und Fühlen, was die Schuld des anderen beim Opfer ausgelöst hat (Schmerz, Zorn, Rache, Trauer …); 3. die eigentliche Vergebung, d. h. die Bereitschaft und Bejahung der Versöhnung mit dem Schuldiggewordenen; 4. das Loslassen seines negativen Bildes sowie des Gefühls der Rache; 5. das Bewusstsein der inneren Versöhntheit und des Gefühls von Freiheit und Frieden mit Blick auf Zukünftiges, das nun entstehen kann. – Was in privaten Beziehungen gilt, gilt ähnlich auf gesellschaftlicher Ebene.
Vergeben
heißt nicht, vergessen. Vergebung
hilft aber die Vergangenheit bewältigen. Sie ermöglicht
es
darüber
hinaus, einen neuen Anlauf zu nehmen, und öffnet somit, ist
sie
von
alten oder neuen Versprechen begleitet, Zukunft durch einen neuen
Anfang.
Luxemburger Kommission
"Justitia et Pax"
http://www.restena.lu/justpaix