Jahresversammlung 2004 der Konferenz der europäischen Justitia-et-Pax-Kommissionen in Sarajevo
Nur ein gemeinsamer Weg führt in die Zukunft, erklärte der EU-Kommissionsbotschafter für Bosnien und Herzegowina Michael Humphreys anläßlich der Eröffnung der Jahresversammlung der europäischen Justitia-et-Pax-Kommissionen vom 25. bis zum 28. September 2004 in Sarajevo. Er gratulierte der Konferenz für das politische Zeichen, das sie mit der Wahl des Veranstaltungsortes gesetzt hat. Tatsächlich ist die Situation in Bosnien und Herzegowina nach wie vor brisant.
Anläßlich ihrer Generalversammlung am 25. und 26. September 2004 in Sarajevo diskutierten die Justitia-et-Pax-Kommissionen aus 18 europäischen Ländern – die Luxemburger Kommission "Justitia et Pax" war durch ihren Präsidenten Hubert Hausemer und die Sekretärin Carine Hensgen vertreten – unter dem Vorsitz der Schweizer Präsidentschaft (2002-2005) die Bedeutung der politischen und humanitären Entwicklung in Bosnien und Herzegowina für die Zukunft ganz Europas. Hochkarätige Gäste aus Politik und Kirche zeigten sich über das Engagement von Justitia et Pax beeindruckt. Michael Humphreys, Botschafter der EU-Kommission in Bosnien und Herzegowina, sprach sich für eine offene und ehrliche Auseinandersetzung über die Zukunft des Landes aus. Beide, Europa und Bosnien und Herzegowina, wollten die EU-Mitgliedschaft des Landes. Doch bis dahin bleibe noch viel zu tun, weil – so Humphreys – die EU nicht etwa ein Club, sondern der Zusammenschluß von Ländern sei, die moralische und wirtschaftliche Regeln teilen. Die zentrale Bedeutung der moralischen Dimension unterstrichen Kardinal Vinko Puljic aus Sarajevo und Bischof Franjo Komarica aus Banja Luka ebenso wie die islamische Theologin und Menschenrechtlerin Zilka Spahic-Siljak vom IMIC (International Multireligious and Intercultural Centre, Sarajevo), indem sie die Dringlichkeit des Schutzes der Menschen und der Einhaltung der Menschenrechte hervorhoben. Doch der Buchstabe des Gesetzes allein, erinnerte Bischof Komarica, vermöge kaum Zukunft zu schaffen. Unabdingbar bleibe die Präsenz eines hoffnungsvollen und zukunftsweisenden Geistes, der Wahrheit und Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Friede stärkt und Mut macht.
Gemeinsame Schritte in diese Richtung hat die Konferenz der europäischen Justitia-et-Pax-Kommissionen bereits unternommen, beispielsweise durch die Partnerschaft zwischen der deutschen und der bosnischen Kommission Justitia et Pax. Der Präsident der Konferenz, Josef Bieger-Hänggi, hob die zentrale Bedeutung des Respekts vor den Leiden der Menschen und ihrer speziellen Lage hervor und erinnerte daran, daß gerade die katholische Kirche besonders gefordert sei, ihrer sozialen Botschaft entsprechende Taten folgen zu lassen. Diese Aufgabe soll in Zukunft durch verstärkte organisatorische Zusammenarbeit und Austausch noch besser erfüllt werden können, wie die designierte deutsche Präsidentschaft (2005-2008) versicherte.
Bosnien und Herzegowina: Reifeprüfung für Europa
Die Studientagung im Anschluß an die Generalversammlung widmete sich der gesellschaftlichen Situation in Bosnien und Herzegowina. Auch mehr als zehn Jahre nach dem Krieg sind die Wunden dieser Zeit weder äußerlich noch im Erleben der Menschen verheilt. Bischof Pero Sudar von Sarajevo wies einleitend darauf hin, daß die Frage nach der Wahrheit die zentrale Frage für die Vergangenheitsbewältigung wie auch für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft ist. Auch wenn – so Pero Sudar – Friede letztlich in Gott gründet, müssen die Geschichten der Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen Erfahrungen und damit verbundenen Wahrheiten zuerst einmal respektiert werden. Dies brachten eindrücklich die Ombudsfrau für Menschenrechte in der Föderation Bosnien und Herzegowina, Branka Raguz, und Vehid Sehic, Präsident des Bürgerforums von Tuzla, zum Ausdruck. Sie unterstrichen, daß die Wahrheit letztlich ausgesprochen werden muß – selbst wenn sie hart ist. Die Ausführungen des Historikers Professor Arnold Suppan aus Wien unterstrichen die Komplexität des historischen Hintergrunds. Auch deshalb überraschten die Aussagen von Rudolf Schoch, Vertreter der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, Schweiz), wenig, daß nämlich die Arbeiten selbst auf lokaler Ebene sich schwierig gestalten. Er machte deutlich, daß das Schweizer Staatsmodell keineswegs einfach übernommen werden kann. Zu verschieden seien die Geschichte und die soziale und kulturelle Situation der beiden Länder. Man nähme den Staat Bosnien und Herzegowina einmal mehr nicht ernst, wenn ihm einfach eine Staatsform von außen aufgezwungen würde.
Zum Abschluß
der Tagung betonte Mgr. Frank
Dewane vom Päpstlichen Rat Justitia et Pax in Rom die zentrale
Bedeutung
von Glaube und Vergebung. Für die europäischen Kommissionen
bleibt
die große Aufgabe, zur Verwirklichung von Gerechtigkeit und
Frieden
im Europa von heute beizutragen. Die Tagung machte einmal mehr
bewußt,
wie schwierig der Übergang von einem Waffenstillstand zu einem
tragfähigen
Frieden ist. Europa bleibt herausgefordert. Die drängenden
Probleme
der psychischen, sozialen und ökonomischen Kriegsfolgen
gefährden
sonst weiterhin den Friedensprozeß in Bosnien und Herzegowina.
Dies
wäre verheerend für die Länder auf dem Balkan und eine
Niederlage
für das Projekt Europa.
| Nach Ansicht der meisten Redner der Tagung ist der Vertrag von Dayton in erster Linie ein Waffenstillstandsabkommen und kein Friedensvertrag. Er stoppte den Krieg, ist jedoch nicht für einen dauerhaften Frieden geeignet. Dies bringt auch ein Statement ("Securing peace in Bosnia and Herzegovina – amending the Treaty of Dayton") zum Ausdruck, das zahlreiche hochrangige Europapolitiker im Hinblick auf den 10. Jahrestag des Vertrags von Dayton (im Jahr 2005) unterzeichnet haben. Unter anderem fordern der frühere EU-Administrator von Mostar, Hans Koschnik, der frühere Premierminister Polens, Tadeusz Mazowiecki, und die ehemalige Ombudsfrau für Menschenrechte in Bosnien und Herzegowina, Gret Haller, eine Weiterentwicklung des Friedensvertrags von Dayton und neue strukturverändernde Impulse. Bosnien und Herzegowina hat als Staat nur Zukunft – so ihr Statement –, wenn das Staatsgebilde auf eine neue, tragfähige Grundlage gestellt wird. Sie regen zum 10. Jahrestag des Dayton-Vertrags eine internationale Konferenz an, die nicht nur die staatliche Zukunft Bosnien und Herzegowinas zum Thema hat, sondern letztlich darüber entscheiden soll, ob Europa seine Verantwortung für seine eigene Zukunft wahrnimmt. |
Justitia et Pax – ein
Erbe
des II. Vatikanischen Konzils
Justitia et Pax wurde nach dem II. Vatikanischen Konzil (1962-1965) auf eine Anregung von Papst Paul VI. hin gegründet. Er ermutigte die katholische Kirche, sich zusammen mit allen Menschen guten Willens sozialen Fragen zu widmen und für Gerechtigkeit und Frieden zu kämpfen. Die nationalen Kommissionen sind unterschiedlich eng an die jeweiligen Bischofskonferenzen gebunden. Die Justitia-et-Pax-Kommissionen beschäftigen sich mit Menschenrechtsfragen, Themen aus den Bereichen Entwicklung, Friede, Ökologie, Wirtschaft und Politik. Während einzelne Kommissionen konkret für Menschenrechte auf die Straße gehen und für deren Einhaltung kämpfen, konzentrieren sich andere stärker auf theologisch-ethische Denk- und Forschungsarbeiten. In der Konferenz der europäischen Justitia-et-Pax-Kommissionen haben sich 28 nationale Kommissionen zusammengeschlossen; neu aufgenommen wurde jetzt im September 2004 die Kommission aus der Ukraine.
Luxemburger Kommission
"Justitia et Pax"
http://www.restena.lu/justpaix